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  • Collin Coel

Xenotransplantation: Schweine als Ersatzteillager

Aktualisiert: 29. Mai

Zur Stunde stehen in Deutschland 9100 Menschen auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Allein 2020 gesellten sich 4900 Anwärter hinzu, während im gleichen Atem 767 Personen der Warteliste verstarben. Insofern überrascht es nicht weiter, dass die erfolgreiche Transplantation eines Schweineherzens am 7. Jänner 2022 als Wendepunkt in der Organspende gefeiert wird.


Chirurgen bei Transplantation eines Schweineherzens

Quelle: WAZ auf Twitter


Genmanipulation gegen die Abstoßung


In den vergangenen fünf Jahren hat Chirurg Bartley Griffith 50 Pavianen Schweineherzen verpflanzt, ehe er dem 57-jährigen David Bennett mit einem Schweineherzen zu einem neuen Leben verhalf. Geschlagene acht Stunden arbeiteten er und seine Mannen vom University of Maryland Medical Center in Baltimore an dieser sogenannten Xenotransplantation, also an der Übertragung eines tierischen Organs auf den Menschen. Bedingt durch eine chronische Herzinsuffizienz und einen unregelmäßigen Herzschlag kam Bennett, der vor Jahren bereits eine Schweineklappe erhalten hatte, weder für die Implantation einer Herzpumpe noch für die Transplantation eines menschlichen Herzens infrage.


Patient David Bennett zusammen mit Dr. Bartley Griffith

Quelle: Gugudde TV Uganda auf Twitter


Experimente mit Pavianen in München haben gezeigt, dass bereits drei genetische Modifikationen von Schweineherzen hinreichen, um das Überleben auf Dauer* zu sichern. Insofern stehen die Chancen für Bennett ungleich besser, wenn sein Schweineherz zehn genetische Modifikationen zum Schutz gegen die Abstoßung hinter sich hat. So räumt die Genmanipulation einesteils mit bestimmten Zuckerstrukturen der Schweinezellen auf und beugt andernteils der Gefahr von Blutgerinnseln vor. Das Gen für den Wachstumshormonrezeptor ist fortan wirkungslos, dafür sorgen entsprechende Genkonstrukte für die Produktion eines entzündungshemmenden Proteins.


Schweine als taugliche Spender


Das Schwein hat in der Tat das Zeug, eine neue Ära der Organspende* einzuläuten. Immerhin hat es sich bereits im September 2021 bewährt, als Forscher in New York zu Studienzwecken einem Verstorbenen eine Schweineniere einpflanzten. In der Kardiologie haben die Schweine hingegen längst Fuß gefasst. Ihre Herzklappen sind unverzichtbar, wenn die menschlichen Pendants nicht länger ihre Dienste tun. Auch verpassten sich Millionen Diabetiker dereinst einen Schuss Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Rind und Schwein, ehe das gentechnisch hergestellte Hormon Abhilfe schaffte.


Während sich nun die Ähnlichkeit des Stoffwechsels zwischen Mensch und Schwein scheint’s bewährt, wird sich weisen, ob der Pavian künftig in einer Reihe mit dem Schwein steht. Versuche, Nieren von Pavianen zu verpflanzen, reichen ja bis in die 1960er-Jahre zurück. Allein die Erfolge lassen noch auf sich warten. Diese schmerzliche Erfahrung musste Baby Fae in den 1980er-Jahren machen. Das Herz eines Pavians entpuppte sich als Fehlschlag. Das todgeweihte Neugeborene verstarb nur drei Wochen nach dem Eingriff.


Moralische Einwände bedingt berechtigt


Es mag nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ein unschuldiges Kind zum Ableben verdammt* ist, während einem verurteilten Straftäter die Chance des Überlebens geboten wird. Fakt ist jedenfalls, dass Bennett 1988 aus Eifersucht einen Nebenbuhler mit sieben Messerstichen lebensgefährlich verletzt hat und dafür zehn Jahre in den Knast musste. Dass die Familie des Opfers, das im Rollstuhl landete, einen Schlaganfall erlitt und bereits das Zeitliche gesegnet hat, den Bemühungen der Ärzte aus Baltimore nichts abgewinnen kann, versteht sich von selbst.


An sich ist es ja beileibe nichts Neues, dass es um die Moral der Ärzte denkbar schlecht bestellt ist und nicht wenige von ihnen Bennett in nichts nachstehen, wenn ihnen der Staat einen Freibrief fürs Verbrechen* ausstellt. Abgesehen davon aber gibt es keine ethischen Bedenken, Schweine in der Medizin nach besten Kräften zu verwerten. Zumindest hält der Theologe und Medizinethiker Ulrich Körtner Xenotransplantationen für moralisch unbedenklich und aus christlicher Sicht für vertretbar, solange mit der Genmanipulation der Sicherheit tierischer Organe Genüge getan ist. Zwar mag durchaus alle Welt mit dem Herzen Liebe und Zuneigung assoziieren, de facto ändert sich aber am Charakter des Organempfängers nichts, wenn er ein Schweineherz verpasst kriegt.


Ethiker Ulrich Körtner

Quelle: Ö1 Journale auf Twitter


Zu Unrecht schüren auch die Experimente mit menschlichen Genen und tierischen Eizellen Ängste. Nicht im Mindesten kann dabei von einer Züchtung von Zwitterwesen die Rede sein. Vielmehr dienen diese Experimente ausschließlich dem Studium möglicher Therapien von Krankheiten*. Solange die Gentechnik also im Rahmen bleibt und nicht die fundamentale Grenze zwischen Mensch und Tier überschreitet, ist alles im grünen Bereich. Ethisch unvertretbar wäre von daher, um mit Körtner zu sprechen, eine Schwangerschaft mit einem Embryo, in dem tierische Zellbestandteile den menschlichen Zellbestandteilen das Feld streitig machen. In dieselbe Kerbe haut der Berliner Moraltheologe Andreas Lob-Hüdepohl, seines Zeichens Mitglied des Deutschen Ethikrates.


Begründete Hoffnung der Schwerkranken


Schenkt man den Behauptungen einschlägiger Experten Glauben, wird das Baltimore-Experiment Schule machen. In ein bis drei Jahren ist in Deutschland demnach mit vergleichbaren Xenotransplantationen zu rechnen. Überhaupt dürfte die lebenslange Dialyse gleich der ellenlangen Warteliste für Spenderorgane bald der Vergangenheit angehören. Sterben die Leute nicht länger wie die Fliegen, weil ihnen beizeiten ein Spender ins Haus schneit, hat die Xenotransplantation unstreitig ihren Zweck erfüllt. Nachdem es sich bei Tieren regelmäßig um gesunde, junge Spender handelt, die nach Belieben verfügbar sind, muss die Medizin zwangsläufig der Xenotransplantation das Wort reden. Vom Schwein versprechen sich die Mediziner jedenfalls eine Fülle möglicher Verwertungen. Neben dem Herzen sind die Nieren, die Pankreasinseln, die Leber und die Cornea im Gespräch. Nicht von ungefähr bildet dabei das Herz den Auftakt im Reigen der medizinischen Verwertungsmöglichkeiten des Schweins. Immerhin ist es, gemessen am komplexen Umsatz vieler verschiedener Stoffe der Leber, mit seiner Pumpfunktion ein vergleichsweise simpel gebautes Organ.


Zahlen lügen nicht. Ein flüchtiger Blick in die Statistiken genügt, um zu schnallen, dass menschliche Spenderorgane Mangelware sind. Allein in den USA musste 2021 für mehr als 3800 Herztransplantationen ein Spender gefunden werden. In Deutschland ist die Niere das gefragteste Spenderorgan. 2020 haben 3518 Exemplare den Besitzer gewechselt. Angesichts solcher Nachfragen nimmt es einen nicht wunder, dass seit 1963 in Deutschland über 142.000 Organe verpflanzt wurden. Die Crux dabei ist bloß, dass die Zahl der postmortalen Organspender 2017 mit bundesweit 797 Menschen auf ein historisches Tief gesunken ist. 2020 waren es wenigstens wieder 913 Deutsche, die nach ihrem Tod Organe gespendet haben. Gemessen an den Spaniern, die in Europa zu den eifrigsten Organspendern zählen, sehen die Deutschen allerdings alt aus.



* Unbezahlter Weblink (Eigenwerbung)

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