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  • Collin Coel

Gefangen in den Fallstricken der Gratiskultur

Aktualisiert: 3. Dez. 2023

Nicht erst seit gestern schreit alle Welt nach einem Ende der Gratiskultur. Bereits 2012 sprachen sich einer repräsentativen Umfrage des Hamburger Beratungsunternehmens Lischke Consulting zufolge 38 Prozent der Deutschen für Bezahlinhalte im Netz aus. Doch dann überrollte 2020 Corona Europa mit aller Wucht und zwang die Kreativen, sich mehr denn je der Zahlungsunwilligkeit unbelehrbarer Internetnutzer zu beugen. Namentlich die Musikschaffenden traf es hart, nachdem ihnen Konzerteinnahmen Knall auf Fall wegbrachen. Nicht wenige von ihnen haben sich bei Facebook, Instagram & Co zum Nulltarif auf eine Onlineperformance eingelassen, um weiterhin am Ball zu bleiben.


Laptop mit Musik-Streaming Display

Quelle: rawpixel.com auf Freepik | Designed by Freepik


Umsatzeinbrüche zur Dauereinrichtung geworden


Mit dem Streaming sind eisige Zeiten für Musikschaffende angebrochen. Immerhin bringt es das Musikstreaming bloß auf ein Zehntel des Umsatzes eines Bezahlabos. Dies wiegt umso schwerer, als Musikliebhaber mittlerweile 68 Prozent ihres Hörgenusses über Streaming beziehen und für nahezu alle Songs durch die üblichen werbefinanzierten Angebote keinen müden Euro erübrigen müssen. Hinzu kommt, dass Streamingdienste ein sattes Drittel der Einnahmen einstreichen, während von den verbleibenden 70 Prozent 55 Prozent an Labels und Interpreten und magere 15 Prozent an Musikverlage und Songwriter wandern. Von daher überrascht es wenig, dass nur wenige Künstler richtig absahnen* und 93 Prozent ihrer Kollegen auf Spotify mit weniger als 1000 Hörern monatlich das Nachsehen haben. Wie es Spotify, die marktdominante Streamingplattform, im Lichte dessen dennoch schaffen kann, zwischen 2009 und 2023 4,2 Milliarden Euro Verlust anzuhäufen, bleibt ein Rätsel.


Smartphone mit Spotify-Display

Quelle: PhotoMIX-Company auf Pixabay


Wohnzimmerkonzerte kein Ersatz für Live-Auftritte


Zu Zeiten, da Corona mit dem Live-Geschäft gnadenlos aufgeräumt hat, fehlten den Musikschaffenden rund zwei Drittel der Einnahmen in der Kasse. Insofern darf man sich bloß wundern, warum manche Künstler dennoch das kostenlose Streamen als willkommene Promotion* begrüßen. Nachdem Zahlen freilich nicht lügen, scheint die Einschätzung des amerikanischen Wissenschaftlers und Musikers Mat Dryhurst um ein Bedeutendes realistischer. Er vermag Wohnzimmerauftritten nichts abzugewinnen. Wären die nämlich in der Tat ein adäquater Ersatz für Liveauftritte, würden die Fans in hellen Scharen herbeiströmen und sich den Weg ins Stadion oder Konzerthaus sparen. Mit dem Live-Erlebnis vor Ort vermag die Technik eben mitnichten mitzuhalten. Netzauftritte werden drum wohl auch künftig mehr die Ausnahme denn die Regel sein.


Online-Gratiskultur eine veritable Gefahr


Nicht von ungefähr geht die Angst um, dass die Gratiskultur im Netz nicht mehr umkehrbar ist. Wer einmal die Zahlungsmoral der Nutzer nachhaltig zerstört* hat, hat nolens volens den Preis der Gratiskultur zu zahlen und sich mit dem neuen Selbstverständnis der Musikfreunde abzufinden. Die Crux dabei ist nur, dass die wenigsten Musikschaffenden in einer Reihe mit Billie Eilish, Alicia Keys und Elton John stehen. Ihr gemeinsames Online-Konzert hat mehr als acht Millionen Dollar eingespielt. Vermutlich aber bloß deshalb, weil es parallel im US-Fernsehen ausgestrahlt wurde und der Coronahilfe zugutekam.


Billie Eilish

Quelle: Zyite auf Twitter


Mit Qualität und Solidarität zur Zahlungsmoral


An einen Abschied von der Gratiskultur* ist allein schon deshalb nicht zu denken, weil sich die Politik entschieden und mit Nachdruck dafür ausspricht. Zumindest halten es die Wiener Stadtpolitiker für opportun, den Sommer mit aberhundert Gratisveranstaltungen zu füllen. Devise: Event-Junkies mit niedrigschwelligem Kulturangebot ködern, um sie hoffentlich als zahlungswillige Klientel in den kalten Wintermonaten in den leeren Theatersälen und Konzerthallen wiederzusehen.


Volksvertreter, die sich so augenscheinlich mit dem Gratiskonsum die Gunst des Fußvolkes erschleichen, müssen zwangsläufig bei Konzertveranstaltern und Kinobetreibern in Ungnade fallen. Die Besucherzahlen in Konzertsälen und Kinos fallen schließlich unaufhörlich und zwingen wenn schon nicht zu kostenlosen Eintritten, so allemal zu Flat Rates. Was Volksvertreter also vorteilhaft dünkt, mündet à la longue in nichts anderes als den schnöden Ausverkauf.


Erykah Badu

Quelle: ErykahBadoula auf Twitter


Noch sind die Vorreiter eines eklatanten Gesinnungswandels* rar. Die Musikerin Erykah Badu lässt gleichwohl hoffen. Immerhin hat sie nachweislich gezeigt, was es heißt, wider den Stachel zu löcken und mit dem Verkauf von Tickets für Onlinestreams eine neue Ära einzuläuten. Wenn ihr 10.000 Leute einen Gig mit einem Dollar pro Mann und Nase abgelten, gleicht das zwar nach wie vor einem Schlag ins Kontor, ein erster Schritt in die richtige Richtung ist damit aber unstreitig getan. Ohne wahres interaktives Erlebnis, das den Fans wirklich etwas zu bieten hat, wäre freilich auch bei ihr nicht daran zu denken, mit den Kosten der Gratiskultur aufzuräumen und den Online-Konzertbesuchern Geld zu entlocken. Des ungeachtet bedarf ein grundlegender Wandel des Musikstreamings zweifelsohne der Solidarität. Ziehen alle Musikschaffenden am gleichen Strang und stellen ihren Webcontent den Fans in Rechnung, ist alles im Lot.



* Unbezahlter Weblink (Eigenwerbung)


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