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  • Collin Coel

Personalwesen im Umbruch: KI-Nutzen mit Fragezeichen

Aus einer Studie von Ernst & Young erhellt, dass sich 89 Prozent der 277 befragten europäischen Unternehmen von der künstlichen Intelligenz eine Optimierung ihrer Geschäftsprozesse versprechen. Gleichzeitig können sich aber bloß 7 Prozent für einen KI-Einsatz im Personalwesen erwärmen. Auch wenn zur Stunde noch die Vorbehalte überwiegen, wird sich die künstliche Intelligenz à la longue zur maßgebenden HR-Technologie mausern.


Bürodame mit VR-Brille und Computer am Schreibtisch beim Notieren von Informationen

Quelle: Racool_studio auf Freepik | Designed by Freepik


KI-Weißbuch der EU-Kommission vielen ein Fremdwort


Dass die künstliche Intelligenz im Personalmanagement einen schweren Stand hat, ist nicht unbegründet. Zwar lassen hohe Rechenkapazitäten und ausgefeilte Algorithmen immer komplexere Lernprozesse zu, gerade mit ihrem nahezu uneingeschränkten Potenzial wird die KI aber auch zur veritablen Gefahr.


Weit gefehlt, zu glauben, dass sich die künstliche Intelligenz zwingend an der menschlichen Intelligenz orientieren muss. Vielmehr hat sie es in der Hand, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und mit Mustern und Prozessen zu punkten, die sich dem menschlichen Verständnis entziehen. Spätestens wenn die künstliche Intelligenz als sogenannte Thinking Entities, also als denkende Einheiten von sich reden macht, braucht es einen interdisziplinären Ansatz, um sich noch ein Bild von den möglichen Konsequenzen der autonomen KI* machen zu können.


Dies wiegt umso schwerer, als die Personaler nicht gerade durch ihr Wissen glänzen. Zumindest vermag ihnen die 2021 vom Bundesverband der Personalmanager im Verein mit dem Ethikbeirat HR-Tech durchgeführte Umfrage nicht das beste Zeugnis auszustellen. Von den 314 befragten HR-Fachleuten kannten bloß 20 Prozent das KI-Weißbuch der EU-Kommission. Und angewendet werden die EU-Richtlinien überhaupt nur von 6 Prozent der Unternehmen. Insofern drischt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil leere Phrasen, wenn er das KI-Weißbuch als Stein der Weisen empfindet und für ihn die Sache mit der Verständigung auf einen gemeinsamen KI-Ordnungsrahmen abgetan ist. So steht nicht zu erwarten, dass sich die Personaler über die Verletzung der Datenschutzrichtlinien* im Klaren sind, wenn sie nicht einmal über das Wesen der KI Bescheid wissen. Immerhin ist es ein offenes Geheimnis, dass sie die KI alle naselang als Buzzword spazieren führen und in HR-Technologien künstliche Intelligenz vermuten, in denen mitnichten Algorithmen stecken.


Bundesminister Hubertus Heil

Quelle: inqa.de auf Twitter


Algorithmen: Irren ist menschlich


Bekanntlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Auch wenn manche Tech-Firmen im Silicon Valley der künstlichen Intelligenz die Personalbeschaffung überlassen, hat mitnichten alle Welt augenblicklich Handlungsbedarf, um weiterhin als fortschrittlich zu gelten. Schließlich machen neben datenschutzrechtlichen Problemen auch ethische Fragen den HRM-Vorreitern gehörig zu schaffen. Dass dem so ist, belegt Amazon.


Die künstliche Intelligenz zur Personalauswahl, die der Onlineriese im Einsatz hatte, versagte auf der ganzen Linie. Dies deshalb, weil die Technik mit ungenügendem Datenmaterial gefüttert wurde. So ist es eine Binsenweisheit, dass die Qualität einer KI ein Spiegel ihrer Datenbank ist. Wenn demnach, um mit dem Bezos-Imperium zu sprechen, die künstliche Intelligenz als Personal vergangener Jahre vornehmlich Männer im Angebot hat, müssen zwangsläufig auch fortan beinahe ausnahmslos die ausgeschriebenen Stellen mit Mannsbildern besetzt werden. Dass die holde Weiblichkeit das Nachsehen hatte, ginge dabei an sich hin, wenn die Diskriminierung nur von kurzer Dauer* gewesen wäre. Die Bezos-Mannen haben indes ein geschlagenes Jahr gebraucht, um dem Software-Fehler auf die Schliche zu kommen.


Zusteller mit Amazon-Paket in Stadt

Quelle: cannaclusive auf Twitter


Mitarbeiteraufklärung tut not


Angesichts solcher Technikpannen ist es wahrlich kein Wunder, dass die künstliche Intelligenz beim Personal auf wenig Gegenliebe stößt. Es ist so schon schlimm genug, dass der einzelne Mitarbeiter auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen der Personaler ausgeliefert ist. Gemessen an der Technik sind Personaler aber greifbar. Leisten sie sich wiederholt Schnitzer, ist über kurz oder lang die gesamte Belegschaft über die Inkompetenz oder Skrupellosigkeit der HR-Entscheider* im Bilde.


Letztlich ist es also stets die Intransparenz, die dem Personalmanagement von morgen zum Verhängnis wird und für Unruhe unter den Mitarbeitern sorgt. PricewaterhouseCoopers kennt das Problem nur allzu gut. Wenn von den 4000 untersuchten Führungskräften lediglich 21 Prozent ein Gefühl für die Risiken der KI im Personalwesen haben, erübrigen sich weitere Worte. Insofern überrascht es nicht weiter, dass die Kommunikation auf der Strecke bleibt und die Mitarbeiter in drei Viertel der Unternehmen gegebenenfalls ungeniert ins kalte Wasser geworfen werden. Devise: Friss, Vogel, oder stirb!


Breite Anwendungspalette ohne weiche Faktoren


Nicht von ungefähr haben Familienunternehmen wie Plastro Mayer mit künstlicher Intelligenz im Personalmanagement nichts am Hut. Für Inkompetenz fehlen nämlich die Mittel. Ergo darf im Recruiting nichts schieflaufen. Zu Recht mahnt der Kunststoffverarbeiter aus Trochtelfingen die fehlenden weichen Faktoren im E-Recruiting an. So muss die Chemie zwischen dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern passen. Ob es also mit dem Charisma, der emotionalen Intelligenz oder dem Auftreten* des Bewerbers zum Besten steht, vermag kein Matching-Tool zu beantworten. Schon gar nicht, wenn es gleich Tinder dem Bewerber erlaubt, einen potenziellen Arbeitgeber mit einem simplen Swipe ins Aus zu schicken.


Auch in Zukunft wird mithin der Faktor Mensch im Personalbereich tonangebend sein. Zu unterschätzen sind deshalb die Hilfestellungen dennoch nicht, mit der eine KI aufwartet. Speziell bei der Sammlung und Aufbereitung der Daten vermag die HR-Technik gute Dienste zu tun.


Lächelnde Bürodame bei der Präsentation ihrer Tablets mit virtueller App

Quelle: creativeart auf Freepik | Designed by Freepik


Im Wesentlichen sind es acht Anwendungsmöglichkeiten, für die eine KI-Software im Personalwesen infrage kommt. Künstliche Intelligenz vermag:

– Lebensläufe zu analysieren;

– mit Chatbots Ansprechpartner zu schaffen;

– Profile abzugleichen;

– Rankings zu erstellen;

– Entwicklungsmaßnahmen einzuläuten;

– Audio- und Videoaufnahmen zu begutachten;

– Kündigungsgründe zu prognostizieren;

– Stellenanzeigen zu optimieren.


Speziell die Optimierung der Stellenanzeigen ist im Moment hoch im Kurs, wenn künstliche Intelligenz bei der Personalbeschaffung mitmischt. Bis sie Personaler uneingeschränkt akzeptieren, wird hingegen noch viel Wasser den Berg hinunterfließen. Dafür hat die künstliche Intelligenz schon jetzt einen Fixplatz in den Unternehmen*. Aus gutem Grund. So verspricht KI eine Produktivitäts- und Effizienzsteigerung von 28 Prozent, eine Kostensenkung von 16 Prozent und eine um 14 Prozent höhere Profitabilität.


* Unbezahlter Weblink (Eigenwerbung)

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