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  • Collin Coel

Verborgene Talente der Musik

Aktualisiert: 29. Mai

Musik verbindet, keine Frage. Ja, selbst für einen Intelligenzschub soll sie gut sein. Ebenso kann sie aber manipulieren oder für politische Zwecke missbraucht werden.


Kunstfotografie mit Dame und Lautsprecher

Quelle: Comfreak auf Pixabay


Mit der Muzak rollt der Rubel


Die gefinkelte Manipulation der Justiz* kriegen beinahe ausnahmslos Politopfer spitz. Gemessen an ihr ist die Manipulation der Musik harmlos. Denn ihrer bedient sich die Wirtschaft bloß, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ohnehin spricht auf diese sogenannte Muzak, also Hintergrundmusik in Restaurants und Kaufhäusern, nur an, wer von den Klängen angetan ist. Mit schlechter Musik ist kein Hund hinter dem Ofen hervorzulocken.


Kaum erreicht die Musik mit dem Limbischen System das Verarbeitungszentrum der Emotionen, hagelt es auch schon Dopamin. Und dieses Glückshormon steigert nicht nur die Aktivität und Leistungsfähigkeit, sondern hat durchaus auch Einfluss darauf, wie viel der Mensch isst, trinkt oder kauft. Nicht von ungefähr steht die Musik also im Ruf, die Sinne zu benebeln.


Wir-Gefühl durch Marschklänge


Wie sehr sich die Musik zur Manipulation eignet, ist den totalitären Regimes nur allzu geläufig. Stramme Marschmusik bringt die Truppe nicht nur im Gleichschritt voran, sondern weckt in jedem Mitglied unweigerlich Gemeinschaftsgefühle. Nicht länger empfindet sich der Einzelne als unbedeutende Randexistenz, sondern sieht sich als Teil eines übergeordneten Ganzen. Und was mit vermeintlich harmlosen Marschklängen beginnt, endet mit der Lärmfolter bei Verhören der Nachrichtendienste oder in Gefangenenlagern wie Guantánamo. Sichtbare Spuren hinterlässt diese Weiße Folter zwar nicht, dafür hat das Opfer mit einem psychischen Dauerschaden zu rechnen.


Dass die Musik als Waffe auch anders eingesetzt werden kann, haben die Afroamerikaner zur Genüge bewiesen. Sie hat die Musik in ihrer Zeit der Versklavung zusammengeschweißt. Was erst Anfang des 20. Jahrhunderts als Blues die Runde machte, hat später auch als Jazz und Rock 'n' Roll für Begeisterungsstürme gesorgt. Selbst wenn nun aber ihre Rolle als Identitätsstifterin außer Frage steht, vermag die Musik de facto beileibe mehr zu leisten. Nicht erst seit gestern ist bekannt, dass Musik die Sexlust steigert*, kurzum also für emotionale Nähe sorgt. Den Zweck erfüllt ein langsamer Rhythmus im Verein mit einprägsamen Tonfolgen, warmen Klängen und Stimmen, langen Tönen und spannungsarmen Intervallen.


Illustration eines Kopfquerschnitts in Blau

Quelle: Gerd Altmann auf Pixabay


Intelligenzbestien durch Mozart-Effekt


Forscher der University of Wisconsin-Oshkosh ließen 1993 Studenten zu einem Intelligenztest antreten. Während ein Teil der Probanden vor dem Examen mit Mozart beschallt wurde, ging der Rest leer aus. Fazit: Mozart machte sich bezahlt und bescherte den Glücklichen zwischen acht und neun zusätzliche IQ-Punkte. Dieser Mozart-Effekt hielt allerdings nicht einmal eine halbe Stunde vor. Des ungeachtet sorgte er für Aufsehen. Ja, realiter waren die Kleinen in den amerikanischen Kinder- und Klassenzimmern fortan gezwungen, sich Mozart unentwegt reinzuziehen, weil sich alle Welt von seiner Musik Wunderdinge erwartete. Dabei hätte es Pink, Miley Cyrus, Ariana Grande oder Rihanna ebenso getan. Alles, was es nämlich für den Intelligenzschub braucht, ist eine gefällige Musik. Etwas mehr Abwechslung in den Kinder- und Klassenzimmern wäre allein schon deshalb angebracht gewesen, weil sich das Mozart-Experiment nicht exakt reproduzieren ließ. Womöglich ist den Kleinen aber ohnehin mit einem simplen Musikunterricht gedient. Zwar steht auch hier der Zusammenhang zwischen Musik und Intelligenz auf wackligen Beinen, Fakt ist aber, dass Kinder mit gezieltem Musikunterricht bei Sprach- und Gedächtnistests merklich besser abschneiden.


Mit dem MotionComposer zu mehr Bewegung


Der Name ist Programm. Beim MotionComposer handelt es sich schlicht um eine Konsole, die Bewegungen in Töne verwandelt. Dabei reicht bereits ein Wimpernschlag oder eine Armbewegung hin, um sich mit seinem Körper musikalisch ausdrücken zu können. Namentlich körperlich eingeschränkte Menschen fühlen sich dadurch motiviert, aktiv zu werden. Neben der Bewegungsfreude ist bei dieser Erfindung von Robert Wechsler, einem amerikanischen Tänzer, auch eine sichtliche Verbesserung der Koordinationsfähigkeit drin.


KI-Programme als Hitproduzenten


Dass Theorie und Praxis zweierlei Stiefel sind, ist ein alter Hut. So mag es durchaus sein, dass Kunst zwingend Handwerk und Handschrift* braucht, um Erfolgspotenzial zu haben. Aus gutem Grund zerbrechen sich aber gleichermaßen Musiker wie Wissenschaftler den Kopf, um das Patentrezept für den Megahit zu finden. Nicht einmal die Hörprobe genügt neuerdings, um vor dem Marktdebüt in jedem Fall sichere Prognosen über Sieg oder Niederlage abgeben zu können. Speziell ältere Semester mit einem an sich guten Gespür für eingängige Musik dürften ihre liebe Not haben, die Megaerfolge vieler aktueller Superstars der Musikszene vorherzusagen. Immerhin hat sich der Musikgeschmack der jungen Leute in den vergangenen Jahrzehnten gewaltig verändert. Was noch vor ein paar Jahrzehnten bei Musikproduzenten gnadenlos durchgefallen wäre, ist zur Stunde der absolute Knüller. Nichtsdestotrotz gibt es erwiesene Anhaltspunkte, die, sagen wir, eher einen durchschlagenden Markterfolg versprechen. Mit C-Dur, schlichten Akkordfolgen und einem »You« im Liedtext ist schon mal ein guter Anfang gemacht. Das gekonnte Spiel mit den Akkorden genügt gleichwohl nicht. Wer sich nicht den laufenden Trends und beliebten Sounds verschreibt, kämpft von vornherein auf verlorenem Posten. Und selbstredend ist ein Produkt ohne Werbung reine Zeit- und Geldverschwendung. Die Musik bildet da beileibe keine Ausnahme. Dafür kann sie getrost auf die Hilfe von KI-Programmen verzichten. Mehr als eine gefällige Musik ist bei Computern nämlich nicht drin. Naturgemäß spucken diese nur das aus, womit sie gefüttert wurden. Für kreatives Schaffen haben sie nichts übrig. Etwas Neues haben sie nicht auf Lager.


Ein Orgelstück als Kunstmagnet


Wer Kirchenbesuche scheut wie der Teufel das Weihwasser, versäumt was. Seit nämlich in der St. Burchardi-Kirche in Halberstadt das Experiment des 1992 verstorbenen Musikers John Cage mit dem Orgelstück »ORGAN2« läuft, strömen die Besucher regelrecht in hellen Scharen herbei.


John Cage

Quelle: Ina de Bree auf Twitter

Wie kein Zweiter hat es der amerikanische Experimentalmusiker verstanden, aller Welt begreiflich zu machen, was es heißt, dass Kunst nach Unsterblichkeit schreit*. So wird »ORGAN2« so langsam gespielt, dass mitunter buchstäblich Jahre zwischen den Klangwechseln verstreichen. Oder um es anders zu formulieren: Die Sekunde Spielzeit entspricht umgerechnet einem Zeitraum von fünf Monaten. Damit ist am 4. September 2640 mit dem Ende der Spieldauer zu rechnen. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass die unzähligen Musikfans, die auf einen Sprung in Halberstadt vorbeischauen, in der Regel nicht mehr als einen einzigen Ton zu hören kriegen. Das Gehirn hat darob aber keinen Grund zur Klage. Immerhin aktiviert der Klang nahezu 14 Milliarden Nervenzellen.


* Unbezahlter Weblink (Eigenwerbung)

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