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  • Collin Coel

Onlinetherapie: Apps auf Rezept gegen Depression

Aktualisiert: 25. Sept. 2022

Jeder zweite Deutsche hat wenigstens einmal im Leben einen depressiven Schub. Rund 12 Prozent der Bevölkerung Deutschlands leiden an Depressionen und Angststörungen. Betroffene müssen allerdings im Schnitt 19,9 Wochen auf einen Therapieplatz warten. Und die Corona-Krise hat den Bedarf an psychologischer Hilfe gar verdreifacht. Im Lichte dessen überrascht es nicht, dass die Psychotherapie aus dem Netz boomt.


Verzweifelter junger Herr vor verschwommener Stadtkulisse

Quelle: Peggy und Marco Lachmann-Anke auf Pixabay


Kostenübernahme durch Krankenkassen


Zahlen lügen nicht


Bereits im ersten Lockdown vom 22. März 2020 bis 4. Mai 2020 empfanden 59 Prozent der Deutschen die Situation als bedrückend. Spätestens mit dem zweiten Lockdown am 6. Jänner 2021 waren die Abstriche in der Lebensqualität* für viele Menschen des Landes aber nicht länger hinnehmbar. 16 Prozent der depressiven Patienten erlebten einen massiven Rückschlag, während 8 Prozent gar mit dem Selbstmord liebäugelten. Ein Grund für die dramatische Verschlechterung der Depression war unter anderem die Versorgungslücke. Immerhin blieben 22 Prozent der Betroffenen in einem akuten Zustand auf sich allein gestellt. Mit geplatzten Terminen bei Fachärzten mussten 22 Prozent der Patienten vorliebnehmen, Psychotherapeuten waren für 18 Prozent ihrer depressiven Patienten nicht im üblichen Ausmaß erreichbar.


Gesetzgeber läutet neue Ära ein


Insofern kam das am 19. Dezember 2019 in Kraft getretene Digitale-Versorgung-Gesetz, kurz DVG genannt, keinen Tag zu früh. Es verbürgt eine treffliche Gesundheitsversorgung*, nachdem die Kosten für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) fortan die gesetzliche Krankenversicherung trägt. Allerdings variiert das Angebot an Apps von Krankenkasse zu Krankenkasse. So können etwa AOK-Mitglieder auf Moodgym zugreifen, während sich Kunden der BARMER über HelloBetter des GET.ON Instituts erfreuen. Die Techniker Krankenkasse arbeitet hinwiederum mit dem DepressionsCoach, Gothaer, AXA und Barmenia haben Novega im Angebot. Allen Kassenprogrammen gemeinsam ist jedenfalls, dass sie die Zustimmung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte haben. Unter anderem prüft die Behörde den Datenschutz, die Benutzerfreundlichkeit und den Leistungskatalog der Apps.


Angebote in Hülle und Fülle


• HelloBetter

Wie sehr es der Unterstützung der Krankenkassen bedarf, erhellt aus den Kosten für die Applikation HelloBetter. 799 Euro sind dafür ohne staatliche Unterstützung zu berappen. Neben Depressionen rückt die App auch Schlafstörungen, Angst, Panik und Stress zu Leibe. Ab dem 18. Lebensjahr ist der Zugriff auf sie möglich. Woche für Woche steht dabei eine Lektion auf dem Programm, in der der Anwender über die eigene Situation reflektiert und therapeutische Techniken vermittelt kriegt. Im Verein mit der Rückmeldung von einem Psychologen sollte der Alltag damit nach und nach wieder Struktur bekommen.


Zwei Frauen und zwei Herren vor deprexis-Werbeanzeige

Quelle: BIG direkt gesund auf Twitter


• deprexis

Um vergleichsweise günstige 297,50 Euro wäre deprexis für Selbstzahler zu haben. Die Kostenübernahme durch private Krankenversicherungen ist Verhandlungssache, gesetzliche Krankenkassen sind hingegen dazu verpflichtet, nachdem deprexis als DiGA zugelassen ist. In den 90 Tagen der Anwendung arbeiten die Nutzer insgesamt 10 Themenbereiche ab. Erklärte Absicht ist es, dem Patienten sein Verhalten vor Augen zu führen und ihn mit angemessenen Verhaltensänderungen auf Kurs zu bringen. Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie machen sich dabei ebenso bezahlt wie begleitende E-Mail- und SMS-Kontakte. Um die App nutzen zu können, muss der Patient 18 Jahre alt sein und die Einwilligung eines Psychotherapeuten oder Arztes vorweisen.


• Novego

Auch die Kosten von Novego decken verschiedene Krankenkassen und Versicherungen. Regulär kostet das 3-monatige Programm zur Bekämpfung von Depressionen 249 Euro, während für die 2-monatige Stressbewältigung 119 Euro zu berappen sind und die 6-wöchige Überwindung der Ängste mit 159 Euro zu Buche schlägt. Wer mit dem Burnout in 4 Wochen aufräumen will, hat als Selbstzahler 119 Euro hinzublättern. Psychologen begleiten das Programm und beantworten einmal pro Woche die allfälligen Fragen des Nutzers. Im Prinzip wird der Patient über Texte, Übungen, Videos, Grafiken und Musik an die Methoden der Verhaltenstherapie herangeführt. Einmal mehr braucht es die Vollendung des 18. Lebensjahres, um die App nutzen zu dürfen.


• moodgym

Bei moodgym handelt es sich um ein unbegleitetes Programm, dafür ist die App aber komplett kostenlos. Über eine Million registrierte Nutzer weltweit sprechen klar zugunsten des internetbasierten Selbstmanagementprogramms. Das interaktive Trainingsprogramm eignet sich sowohl zur Vorbeugung als auch zur Behandlung von depressiven Symptomen. Einmal mehr beruht die App auf Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. Die Hilfe zur Selbsthilfe besticht durch einen leicht verständlichen Aufbau. Beziehungsprobleme kommen dabei ebenso aufs Tapet wie Entspannungstechniken. Übungen und Aufgaben helfen, negative Gedanken durch positive zu ersetzen und frohen Mutes in die Zukunft zu blicken.


Apps kein Therapieersatz


Wirksamkeit durch Studien belegt


Dass Kreativität ein hartes Brot* ist, bezweifelt niemand. So bedurfte es nicht weniger als 13 randomisierter kontrollierter Studien, um die Wirksamkeit von deprexis außer Frage zu stellen. Damit zählt das Therapieprogramm zu der weltweit am besten erforschten digitalen Behandlung für Depressionen. Nachweislich haben sich bei einer Anzahl der notwendigen Behandlungen von 3,6 die depressiven Symptome signifikant reduziert. Zusätzlich erhellt aus einer Studie mit 3.805 Teilnehmern, dass Krankenkassen durch den Einsatz von deprexis die Behandlungskosten von Depressionen massiv senken. Generell gilt: Digitale Therapien sind namentlich bei milden bis moderaten Störungen ein Bringer. Bei chronischen Störungen mangelt es den Patienten hingegen in der Regel an der nötigen Selbstkontrolle, um das Onlineprogramm ordnungsgemäß abzuspulen. Hinzu kommt, dass der übliche Zeitraum für eine Onlinetherapie von 4 bis 12 Wochen zu knapp bemessen ist, um wirklich schwerer psychischer Störungen Herr zu werden. Naturgemäß reden Therapeuten grundsätzlich dem begleiteten Programm das Wort. Fairerweise ist jedoch anzumerken, dass eine Begleitperson naturgemäß die Motivation des Patienten erhöht, während der gesamten Behandlungsdauer voll bei der Sache zu sein.


Zeitungsbündel von Stiftung Warentest

Quelle: N-News.de | Stuttgarter Online auf Twitter


Stiftung Warentest skeptisch


Dennoch ist laut Stiftung Warentest der Depression durch Apps nur bedingt beizukommen. Zumindest haben sich vier von acht getesteten Gesundheitsapps als Fehlschlag entpuppt. Als empfehlenswert stufte Stiftung Warentest unter anderem deprexis und moodgym ein. Für Novego, Selfapy und iFightDepression waren die Tester hingegen weniger zu erwärmen. Und was für die Depression die App einer Krankenkasse à la TK-DepressionsCoach bedeutet, vermochten die Tester erst gar nicht zu beurteilen, nachdem sich die Techniker Krankenkasse gegen eine unabhängige Begutachtung gesperrt hat.


Dass Kreative Skepsis gewohnt* sind, ist nichts Neues. Und mit konstruktiver Kritik ist ohnehin beiden Seiten gedient: den Verbrauchern und den Entwicklern. Nicht von ungefähr arbeitet Selfapy seit dem vernichtenden Urteil intensiv an Wirksamkeitsbelegen und der Verbesserung des Datenschutzes. Generell stellen Tester wie Stiftung Warentest vor allen Dingen interaktiven Angeboten ein gutes Zeugnis aus. Apps, die den Dialog mit dem Nutzer fördern, punkten. An sich sollte aber auch eine digitale Couch ohne Begleitung ohne Vorbehalte auskommen. Immerhin versteigt sich kein Entwickler zur Behauptung, seine App sei ein Ersatz für den Therapeuten. Nicht von ungefähr spricht bei einer Gesundheitsapp alle Welt von einem Coach oder Berater.


* Unbezahlter Weblink (Eigenwerbung)

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