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  • Collin Coel

Offene Beziehung: Monogamie war gestern

Aktualisiert: 29. Mai

Zahlen lügen nicht. 7 Prozent der 832 Teilnehmer einer Online-Umfrage räumten ein, in einer offenen Beziehung zu leben. Mit dem Gedanken an die freie Liebe spielen hingegen 33 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen. Wenn sich freilich statistisch gesehen nur jedes 14. Paar traut, den Hippies der 1960er-Jahre nachzueifern, sind die moralischen Bedenken nach wie vor groß. Dabei war vor gut 70 Jahren der voreheliche Geschlechtsverkehr ebenso wie die gemischte Ehe verpönt, während es nun keine Sau bekümmert, ob der Inländer die Ausländerin ehelicht oder wie oft es die beiden vor ihrer Eheschließung getrieben haben. Wenn 41 Prozent von 1879 Befragten die offene Beziehung für praktikabel halten, sollten die geheimen Wünsche nicht länger unterdrückt werden.


bunte Ballons in bewölktem Himmel

Quelle: Artturi Mäntysaari auf Pixabay


Spielarten ohne Ende


• Sexbesessene


Mit der Monogamie haben offene Beziehungen nichts am Hut. Emotionale wie sexuelle Treue ist ihren erklärten Anhängern fremd. Vielmehr wollen sie sich nach Herzenslust in fremden Betten vergnügen, ohne dabei ihren festen Partner zu verlieren. Einesteils lechzen sie nach sexueller Vielfalt und Abwechslung, andernteils bieten ihnen ihre Affären die Möglichkeit, unerfüllte Wünsche zu befriedigen. Dementsprechend oft sind sie in Swingerclubs oder auf Sex-Positive-Partys anzutreffen. Denkbar ist aber ebenso die klassische Dreiecksbeziehung, die, wenn man so will, älteste Form der offenen Beziehung. In ihr unterhält ein Partner Beziehungen zu zwei Partnern, die miteinander nichts zu schaffen haben.


• Liebeshungrige


Fälschlicherweise wird die sogenannte Polyamorie als weitere Spielart der offenen Beziehung gehandelt. Fakt ist freilich, dass die Unterschiede kaum größer sein könnten. Während die offene Beziehung nämlich eine feste Partnerschaft duldet, lehnt die Polyamorie ebendiese ab. Wer für die Polyamorie schwärmt, ist überzeugt, mehrere Menschen mit der gleichen Hingabe lieben zu können. Es geht hier also nicht um den reinen Spaß in der Falle, sondern um wahre Zuneigung und Verbundenheit. Im Unterschied zur offenen Beziehung sind in einer polyamourösen Beziehung mithin gleichberechtigte Partner im Spiel. Selbst oder gerade die LGBT-Community darf mitmischen.


Regeln frei verhandelbar


Während also in der offenen Beziehung die Bedeutung Fragen aufwirft, besteht Einigkeit darüber, dass ohne gegenseitiges Vertrauen der Partner an die freie Liebe nicht zu denken ist. So schon ist das Vertrauen das A und O einer Beziehung*, in einer offenen Beziehung wird es gleichwohl auf eine harte Probe gestellt. Ergo eignet sich auch beileibe nicht jeder Partner für diese sexuelle Revolution. Wer sich zu den 14 Prozent der Bevölkerung mit dem Myers-Briggs-Typ ISFJ zählt, kann die Idee der freien Liebe von vornherein vergessen. Als introvertierter, gefühlsbasierter Freund fester Strukturen ist er schlicht und ergreifend ungeeignet, außereheliche Erfahrungen ohne Gewissensbisse zu sammeln.


Selbst Menschen, die sich zum Sexdate berufen fühlen, können sich nicht nach Belieben in fremden Betten vergnügen. Dass die offene Beziehung Regeln braucht, die verbindlich einzuhalten sind, steht außer Frage. An sich haben die Partner allerdings freie Hand in ihren Entscheidungen. Manche bevorzugen, kein Wort über ihre One-Night-Stands zu verlieren, anderen steht hingegen der Sinn nach einer ausführlichen Berichterstattung. Einig sein sollten sich die Partner lediglich über Ort und Zeit ihrer außerehelichen Eskapaden, über die Konsequenzen einer allfälligen Liebe, über die Pflicht zum geschützten Verkehr und über die Möglichkeit der Nachverhandlung bei unerwarteten psychischen Belastungen. Apropos: Verlustängste und Aggressionen sind naturgemäß seltener, wenn beide Partner ökonomisch voneinander unabhängig sind.


Gefahr der Eifersucht


Bekanntlich schmecken die Kirschen in Nachbars Garten immer süßer. Fordert das ständige Zusammenleben mit einem Partner einen zu hohen Tribut, ist die Gefahr groß, den Reizen der flüchtigen Bekanntschaft zu erliegen. Kurzum: Partner in einer offenen Beziehung können sich mitunter merklich verändern. Mausern sich diese Veränderungen zu einer ernsthaften Bedrohung für die feste Beziehung, sind Nachverhandlungen dringend angesagt.


Kunstfotografie eines brennenden Herzens

Quelle: Gloria Williams auf Pixabay


Dabei ist nicht einmal restlos geklärt, ob die Eifersucht mehr ein Kulturphänomen oder ein Charakterfehler, also anerzogen oder angeboren ist. Nachdem die Eifersucht als Beziehungskiller* nicht erst seit gestern ihr Unwesen treibt, bedarf es zwingend des kommunikativen Austauschs mit dem Partner, um sie beizeiten in den Griff zu kriegen. Der Witz an der Sache ist ja, dass namentlich Menschen in polyamourösen Beziehungen frei von jeglichen Verlustängsten sein sollten. Fakt ist aber, dass sie es nicht sind. Überhaupt tun Anhänger der freien Liebe besser daran, es mit der offenen Beziehung zu versuchen. Erfahrungsgemäß ist die polyamouröse Beziehung nämlich um ein Bedeutendes stressiger. So wollen alle Partner stets gleichermaßen umsorgt, verwöhnt und verhätschelt sein.


Familiengründung kein Problem


Für Kopfschmerzen sorgt also in der offenen Beziehung die Eifersucht. Dafür ist die Familiengründung kein Thema. Solange die Kinder nicht in den Brennpunkt widerstreitender Interessen rücken und widersprüchliche Aussagen um die Ohren geknallt kriegen, dürfen Partner in einer offenen Beziehung absolut vom Wunsch nach Nachwuchs beseelt* sein. Es mag dabei durchaus zutreffen, dass eine offene Beziehung Eltern weniger Zeit für ihre Kinder lässt. Einen Grund zur Klage haben die Kinder aber nicht, nachdem sie aus den unterschiedlichen Erfahrungsschätzen der etlichen Bezugspersonen schöpfen können. Zumindest laufen sie nicht Gefahr, sich mit einer gestörten Sexualität um die Früchte des Lebens zu bringen. Die Aufgeschlossenheit der Eltern färbt unweigerlich auf die Kinder ab. Und das ist so schlecht beileibe nicht.


Babyhand den Zeigefinger der Mutter umklammernd

Quelle: SeppH auf Pixabay


Untrügliches Gefühl der Zusammengehörigkeit


Zugegeben, der Schuss kann auch nach hinten losgehen. Kaum kommt die Liebe ins Spiel, ist die Kacke umgehend am Dampfen. Wer wie Esther und Leo mit der offenen Beziehung Erfahrungen gemacht hat, kennt das Problem.


Angesichts ihrer 5-jährigen glücklichen Beziehung hatte die Marketingexpertin aus Düsseldorf erst keinen Grund, auf den Vorschlag ihres Partners einzugehen und einer offenen Beziehung zuzustimmen. Nach und nach zweifelte sie aber an der Stabilität der Partnerschaft* und fragte sich ernsthaft, ob sie nicht irgendwann doch das Verlangen nach Sex mit einem anderen Mann hätte. Ergo ließ sie sich auf das Experiment ein und einigte sich mit ihrem Partner auf zwei Bedingungen: Erstens durfte es kein x-beliebiger Sexpartner sein und zweitens musste die Romantik außen vor bleiben. Dieses Liebesarrangement mündete binnen einem Jahr endlich in eine Affäre ihres Partners auf einer Geschäftsreise, während sie sich vor Ort einen Liebhaber gönnte. Doch es kam anders als erwartet. Die Marketingexpertin verliebte sich. Als sich ihr Lover nicht mehr blicken ließ, war sie am Boden zerstört. Wider Erwarten stand ihr Leo tröstend zur Seite. Und ebendiese rührende Fürsorge brachte Esther und Leo um ein Bedeutendes näher. In einer verfahrenen Situation war auf Leo Verlass. Und das war Esther Beweis genug, dass er ihr Mann fürs Leben war. Die Erfahrung der offenen Beziehung dürfte sie dennoch nicht bereuen. Immerhin hat der Sex mit Leo eine neue Qualität.


* Unbezahlter Weblink (Eigenwerbung)

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