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  • Collin Coel

Wie der Schönheitswahn Beziehungen spaltet

Aktualisiert: 25. Sept. 2022

Seit alters haben es attraktive Menschen dank des sogenannten Halo-Effekts (engl. halo = Heiligenschein) leichter im Leben. Alle Welt assoziiert mit ihnen unbewusst Intelligenz und Zielstrebigkeit. Frauen punkten dabei namentlich durch einen gesunden Teint, ein natürliches Erscheinungsbild und ein sicheres Auftreten. Männer wirken hingegen vornehmlich mit einem kantigen Gesicht, sichtlicher Körperpflege, schicken Klamotten und einem angenehmen Duft auf Frauen unwiderstehlich. Jedenfalls überrascht es im Lichte dieser wissenschaftlichen Tatsachen nicht, dass sich laut einer Umfrage 2020 24,36 Millionen Deutsche ab 14 Jahren redlich bemühen, möglichst attraktiv auf den Partner zu wirken.


Junger Mann mit Hut und Schlag ins Gesicht von Frau mit Boxhandschuhen

Quelle: Ryan McGuire auf Pixabay


Mythos: Gegensätze ziehen sich an


Wer vom Wunsch nach einer Langzeitbeziehung* beseelt ist, tut gut daran, nach einem ähnlich attraktiven Partner Ausschau zu halten und mit ihm einen Hausstand zu gründen. Frei nach dem Motto: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Diese Bedeutung der Attraktivität in der Partnerwahl erhellt aus einer Studie mit 600.000 Nutzern der Online-Partneragentur ElitePartner. Während sich allerdings 47 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen in Bayern hübsche Partner wünschen, achten die Bremer auf das Aussehen bei der Partnerwahl kaum.


Naturgemäß bemessen sich die optischen Ansprüche an der eigenen Attraktivität. 82 Prozent jener Männer, die sich für einen Adonis halten, kokettieren mit einer Venus. Und jedes zweite Mannsbild, das rank und schlank ist, verschmäht eine füllige Frau. Beim zarten Geschlecht verhält es sich ähnlich. Generell legen Männer aber mehr Wert auf das Aussehen bei der Partnerwahl als Frauen. 45 Prozent der Männer und nur 38 Prozent der Frauen sind auf die Schönheit versessen. Auch ist das Aussehen der Männer für Frauen lediglich in der Blüte ihrer Jahre von Belang. In den Zwanzigern sind noch 43 Prozent der Frauenzimmer auf einen Arnold Schwarzenegger scharf, ab 60 ist hingegen nur noch jede dritte Frau an einem ansehnlichen Mannsbild interessiert. Im Unterschied dazu sind Männer in jedem Alter mit einer bildhübschen Frau zu ködern. Dass Akademiker und Großverdiener um ein Bedeutendes höhere Ansprüche an die Optik der Frauen haben als ungebildete, arme Schlucker, ist an sich nichts Neues. Während aber nun auch gut verdienende Frauen einen Vorzeigemann an ihrer Seite wünschen, liegt Akademikerinnen weniger an der Attraktivität des Partners als Nichtakademikerinnen.


Manipulation: Vom Milliardengeschäft mit der Schönheit


Weit gefehlt nun, zu glauben, dass mit der bewussten Entscheidung für einen ähnlich attraktiven Partner die Beziehung in Sachen Schönheit automatisch unter einem guten Stern steht. Ja, mitunter hat es gar den Anschein, als hätte der Partner mit einem Mal alle Bonuspunkte verspielt und würde den optischen Auflagen nicht länger genügen. Mit der intensiven Nutzung der sozialen Medien dräut unweigerlich die Gefahr, Knall auf Fall für die unrealistischen Schönheitsideale der Werbebranche empfänglich zu sein. Dass die Online-Werberiesen dabei selbst Topmodels mit Photoshop aufmöbeln, wird ebenso ignoriert wie die Tatsache, dass das Aussehen nur eine von zehn Beziehungsvariablen* ist.


Strapaziert eine Frau erst mal den Vergleich mit einer Jennifer Aniston, ist die Unzufriedenheit naturgemäß Programm. Die Jungbrunnen-Formel hat schließlich nicht ein jeder umgehend zur Hand. Gleichzeitig bleibt nichts unversucht, diesem unerreichbaren Ideal nachzueifern. Nicht von ungefähr können sich die Umsätze der Schönheitsindustrie sehen lassen. So hat etwa Weight Watchers 2020 rund 1,38 Milliarden Dollar erwirtschaftet. 19,91 Millionen Deutsche haben sich in diesem Jahr für Diäten und Diätprodukte interessiert. 38 Prozent von ihnen wollen 2021 ein paar Pfunde loswerden und 59,3 Prozent von ihnen haben sich bereits einmal an einer Diät versucht.


Diätsandwich mit Messschieber

Quelle: Steve Buissinne auf Pixabay


Wer es nicht allein schafft, schön wie der junge Morgen zu sein, legt sich unters Messer. Nicht erst seit gestern rollt der Rubel in der ästhetischen Medizin. 11,5 Milliarden Dollar betrug das Marktvolumen 2018, 2022 sollen es Schätzungen zufolge 15,8 Milliarden Dollar sein. Die Verkaufsschlager schlechthin werden dabei mit einem jährlichen Wachstum von 9 Prozent Filler und Botulinum sein. Von solchen Wachstumsraten kann der Kosmetikmarkt nur träumen. 2020 ist der weltweite Verkauf von Kosmetikprodukten um 8 Prozent auf 213 Milliarden Euro eingebrochen. Die in Deutschland in diesem Jahr umgesetzten 14,9 Milliarden Euro sind allerdings kein Grund, ein Klagelied anzustimmen. Vielmehr ein Indiz dafür, dass es um die Umsätze der Schönheitsindustrie bestens bestellt ist.


Minderwertigkeit: Eigen- und Fremdwahrnehmung ungleich


Dass eine Jennifer Aniston auf Männer, die nicht in ihrer Liga spielen, einschüchternd wirken kann, leuchtet ein. Warum Frauen jedoch durch einen Vergleich mit der Hollywoodaktrice Minderwertigkeitskomplexe bekommen, bedarf einer Erklärung. Um die Sache also gleich auf den Punkt zu bringen: Das Minderwertigkeitsgefühl dieser Frauen ist ein Ausfluss der Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung.


Angesichts der Tatsache, dass sich 90 Prozent der Frauen in ihrer Haut nicht wohlfühlen und die Zahl der mit ihrem eigenen Aussehen unzufriedenen Männer stetig steigt, scheint die Hilfe von Partneragenturen* regelrecht schon unverzichtbar zu sein, um der Beziehung eine Chance zu geben. Immerhin ist die krankhafte Eifersucht für eine Beziehung Gift und nicht selten schlicht ein Indiz empfundener Minderwertigkeit.


Das Schlimme daran ist, dass der Mensch nicht umhinkann, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Den Unterschied macht die Form des Vergleichs. Wer über einen hohen Selbstwert verfügt, bemisst die Vorzüge anderer stets an seinen eigenen Stärken. Ein niedriger Selbstwert zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass die eigenen Schwächen im Vergleich mit anderen den Ton angeben. Recht deutlich wird dieser mangelnde Selbstwert in einer Umfrage 2016 zur Einschätzung des eigenen Körpergewichts. Während sich 15 Prozent der Übergewichtigen für sehr übergewichtig und 45 Prozent für etwas übergewichtig hielten, waren objektiv betrachtet nur 9 Prozent von ihnen sehr übergewichtig und 32 Prozent etwas übergewichtig. Offiziell gilt dabei laut WHO ein Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 25 kg/ als Übergewicht.


Eifersucht: Kontrollzwang diktiert den Alltag


Laboriert ein Partner aufgrund empfundener körperlicher Unzulänglichkeiten an einer veritablen Verlustangst, ist die Stabilität der Partnerschaft* ernsthaft in Gefahr. Während nämlich eine geringe Dosis Eifersucht eine Beziehung durchaus belebt, droht mit der übersteigerten Eifersucht das unwiderrufliche Beziehungsende. Allein die krankhafte Bemühung, den Partner des Soziallebens zu berauben, um jede Begegnung mit attraktiveren Personen zu unterbinden, spricht Bände. Es ist aber namentlich der Kontrollzwang, der die Paare entzweit. Wenn 22,8 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer in den Handys der Partner schnüffeln, 10,4 Prozent der Frauen und 3,4 Prozent der Männer die Klamotten der Partner auf Indizien einer Affäre abklopfen, 37,3 Prozent der Frauen und 36,6 Prozent der Männer über die Partner lästern und 46,3 Prozent der Frauen und 41,3 Prozent der Männer den Partnern eine Szene machen, müssen gezwungenermaßen 31,7 Prozent der Frauen und 44,3 Prozent der Männer die Beziehung beenden.


Tränendes Auge mit Schattenpaar

Quelle: Thomas Wolter auf Pixabay


Selbstliebe: Gezielt zu einem gesunden Selbstbewusstsein


Vorbeugen ist bekanntlich besser als heilen. Wer über genug Selbstliebe gebietet, gibt Minderwertigkeit und Eifersucht keine Chance. Ein gesundes Selbstbewusstsein erstickt noch jeden Zweifel an der Treue des Partners im Keim. Und das Schöne daran: Selbstbewusstsein kann man lernen.


Am besten beginnt man damit, sich alle naselang eine Auszeit zu gönnen. Wer bei sich Einkehr hält, komplett abschaltet und den Stress des Alltags hinter sich lässt, hat alle Zeit der Welt, neue Facetten an sich zu entdecken, die ihn ins rechte Licht rücken. Manche Psychologen halten es auch für geboten, täglich mit Affirmationen am eigenen Selbstbewusstsein zu arbeiten. Wer sich unentwegt einredet, bezaubernd und großartig zu sein, glaubt irgendwann daran. Zumindest sollte jeder dankbar für die offensichtlichen Vorzüge sein, die ihm entweder in die Wiege gelegt wurden oder Ergebnis harter Arbeit sind. Und endlich darf die Kreativität nicht fehlen. Kreative beschäftigen sich nämlich zwangsläufig mit sich selbst, kehren ihr Inneres nach außen und drücken ihre Gefühle in ihren Schöpfungen aus.


* Unbezahlter Weblink (Eigenwerbung)

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