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  • Collin Coel

Weltraumtourismus: Überflüssig wie ein Kropf?

Aktualisiert: 29. Mai

Noch hält sich die Zahl der Weltraumbesucher in Grenzen. Nicht mehr als 565 Menschen aus 41 Ländern hatten den Erhebungen von 2019 zufolge das Vergnügen, aus einer Höhe von mehr als 100 Kilometern einen Blick auf die Erde zu werfen. Spätestens im Juli 2021 ist aber mit den Weltraumflügen von Richard Branson und Jeff Bezos eine neue Ära der Raumfahrt angebrochen. Nicht länger wird der Weltraumtourismus bloß eine Fußnote sein und das All gut bezahlten Astronauten vorbehalten bleiben. In der Tat gibt es auch bereits handfeste Pläne für ein Weltraumhotel namens Voyager Station, das 2027 die Tore öffnen soll.


Segelflieger von Virgin Galactic

Quelle: TeslaNews auf Twitter


Der Reiz der Schwerelosigkeit


Während Staatsdiener leicht dem Reiz des Verbrechens* erliegen, nachdem sie das staatliche Rechtssystem vor der Strafverfolgung schützt, kokettieren Wohlhabende mit der Grenzerfahrung der Schwerelosigkeit. Durch den Abstecher ins All kommt niemand zu Schaden. Insofern ist ein Verbot des Weltraumtourismus unangebracht. Wer allerdings glaubt, auf einer solchen Mission von Virgin Galactic, Blue Origin oder SpaceX zu schweben, befindet sich auf dem Holzweg. Vielmehr fällt er, zumal auch in einer Höhe von 80 bis 400 Kilometern die Erdanziehungskraft wirksam ist. Nur spürt der Mensch gerade im Fallen die Erdanziehungskraft nicht. Namentlich wenn sie, wie im Weltall, um ein Bedeutendes schwächer ist. Insofern bietet dem Menschen selbst der Sprung vom 5-Meter-Brett im Schwimmbad für eine schlappe Sekunde das untrügliche Gefühl der Schwerelosigkeit.


Auch oder gerade die Mannen auf der Raumstation ISS fallen unaufhörlich zur Erde. Nur sind sie derart rasend schnell unterwegs, dass die Erde das Wurfgeschoss nicht mehr einfangen kann und sich der Fall unentwegt wiederholt. Heißt also im Klartext: Die Geschwindigkeit durch den Raketenantrieb des Segelfliegers von Virgin Galactic reicht hin, um den Flugkörper nach Abschalten des Antriebs durch den Schwung auf eine Höhe von gut 90 Kilometern zu katapultieren, ehe er zum Sinkflug ansetzt. Die konventionelle Rakete von Blue Origin sorgt hingegen für eine Geschwindigkeit, die die von der Rakete abgetrennte Raumkapsel auf knapp 110 Kilometer Höhe bugsiert. Lediglich das Raumschiff von SpaceX erreicht durch die Rakete eine so hohe Geschwindigkeit, dass es in die Erdumlaufbahn eintaucht, sich den Fängen der Erde entzieht und problemlos an die Raumstation ISS in 400 Kilometern Höhe andocken kann.


Das Aus für die Schnäppchenpreise


Genau genommen trennt die 100-Kilometer-Marke die Raum- von der Luftfahrt. In dieser Höhe ist die Luft nämlich so dünn, dass an einen Auftrieb des Flugzeugs nicht länger zu denken ist und es zwingend des Rückstoßantriebs einer Rakete bedarf. Dennoch dürfen sich die Weltraumtouristen von Virgin Galactic Astronauten nennen, weil das amerikanische Militär seit den 1960er-Jahren der 80-Kilometer-Marke das Wort redet. Ein dreitägiges Training reicht hin, um bei Virgin Galactic mit von der Partie zu sein, bei Blue Origin durchlaufen die Weltraumtouristen indes ein auf zwei Tage verteiltes 14-stündiges Training. Nicht viel, bedenkt man, dass die NASA von ihren Astronauten 1000 Flugstunden oder eine 3-jährige einschlägige Berufserfahrung neben dem Abschluss eines MINT-Studiums fordert.


Wally Funk

Quelle: Visit Grapevine auf Twitter


Für einen Weltraumtrip ist es nie zu spät, wie die 82-jährige US-Pilotin Wally Funk beweist. Ihr war es vergönnt, in der Raumkapsel New Shepard neben Jeff Bezos Platz zu nehmen. Die Begeisterung für ein derartiges Unterfangen ist dabei größer als vermutet, wenn 2019 in einer Umfrage 70 Prozent der Befragten gegen eine Reise ins Weltall nichts einzuwenden hätten. Bloß am nötigen Kleingeld darf es nicht fehlen. Wer nämlich an den Hungerpfoten saugt und das starke Verlangen nach Erholung* verspürt, hat im Weltraumtourismus nichts verloren. 450.000 Dollar sind fortan für einen Platz im Raumschiff VSS Unity von Virgin Galactic zu berappen. Macht umgerechnet 1.875 Dollar für jede der 240 Sekunden Schwerelosigkeit. SpaceX hat die Sekunde Schwerelosigkeit hingegen für 64 Dollar im Angebot, allerdings sind für den Trip zur ISS und den einwöchigen Aufenthalt (= 9 Tage Schwerelosigkeit) summa summarum 50 Millionen Dollar hinzublättern. Auch wenn jedem bewusst ist, dass der Weltraumtourismus mit Kosten verbunden ist, plant die NASA jüngsten Berichten zufolge, den ISS-Trip für wohlfeile 21 Dollar je Sekunde Schwerelosigkeit feilzubieten, was beim 30-tägigen Aufenthalt auf Gesamtkosten von rund 59 Millionen Dollar hinausläuft. Angesichts der 18.000 Euro für eine Kreuzfahrt in die Antarktis, der 70.000 Euro für einen Flug um die Welt oder der 50.000 Euro für die Besteigung des Mount Everest dürfte gar mancher versucht sein, seinen Wunsch nach Schwerelosigkeit noch einmal gründlich zu überdenken. Den japanischen Milliardär Yusaku Maezawa bekümmern solche Überlegungen von Pfennigfuchsern freilich nicht. 2023 wird ihn SpaceX auf den Mond bringen. Und bis 2050 sollen, geht es nach den ehrgeizigen Plänen von Elon Musk, gar 50.000 Menschen auf dem Mars landen.


Die Milliardenumsätze im Weltraum


Nicht erst seit gestern sind Unternehmensgründer als Motor der Wirtschaft* in aller Munde. Große Graupen im Kopf haben aber beileibe nicht nur Visionäre wie Elon Musk. Ja, de facto hegt die NASA bereits seit Langem den Plan, Mond und Mars mit Auswanderungswilligen zu besiedeln. Nicht von ungefähr wurden SpaceX, Blue Origin und Dynetics von der NASA beauftragt, ein Mondlandefahrzeug für Menschen zu ersinnen. Eine Entfernung von drei Reisetagen, ein Sechstel der Erdanziehungskraft und Millionen Tonnen von Wassereis am Südpol machen den Mond zum Idealkandidaten, eine neue Heimat für die Menschen zu schaffen. Und sollten sich die Vermutungen bewahrheiten, dass es auf dem Mond nur so wimmelt von wertvollen Metallen und Seltenen Erden, rücken Fabriken im Weltall und Touristen in der Umlaufbahn naturgemäß in greifbare Nähe. Wem der Mond allerdings gehört, ist strittig. Aus gutem Grund schrie alle Welt Zeter und Mordio, als sich Barack Obama 2015 zu einem Gesetz herbeiließ, das jedem Amerikaner das Recht auf Ressourcen im All zusicherte.


Satellit von SpaceX

Quelle: SpaceX-Imagery auf Pixabay


Zur Stunde sind es die 5700 aktiven Satelliten, mit denen der Rubel rollt. Nicht weniger als 400 Milliarden Dollar jährlich erwirtschaften die Daten, die die Satelliten einsammeln und weiterreichen. Zum nächsten dicken Geschäft dürfte sich aber der Weltraumtourismus mausern. Schon jetzt spült er Geld in die Kassen. Endgültig nicht mehr wegzudiskutieren wird er sein, wenn die Raumstation von Michael Suffredini fertiggestellt ist. Das 7-Betten-Hotel samt Laboren und Arbeitsräumen kann sich sehen lassen. In ein paar Jahren soll es vom Band laufen. Produktionsmodule und Fabriken ergänzen das vielversprechende Unterfangen. Zumindest stellt die NASA sicher, dass 2024 die ISS mit dem ersten Element bestückt wird.

Das Image der Umweltverschmutzung und Dekadenz


Es heißt, dass der Weltraumtourismus der Umwelt nicht gut bekomme. In der Tat erweist sich denn auch der Wasserdampf als veritables Problem. Zwar mag Blue Origin durchaus auf einen Treibstoff aus Flüssigsauerstoff und Flüssigwasserstoff setzen, solange der Wasserstoff aber nicht Ausfluss erneuerbarer Energien ist, geht die Herstellung mit einer enormen CO2-Emission einher. Hinzu kommt, dass ausgestoßener Wasserstoff in der Mesosphäre, sprich in einer Höhe von 50 Kilometern, zu unerwünschter Wolkenbildung führt. Nachdem sich diese Wolken nicht mehr in Regen auflösen können, ist eine höhere Wasserdampfkonzentration die unweigerliche Folge. Und ebendie blockt gleich CO2 die Wärmerückstrahlung, womit die verstärkte Erderwärmung das Schmelzen der Polkappen beschleunigt. Die Crux dabei ist, dass der alternative Treibstoff auf Basis von Lachgas und Kohlenstoff keinen Deut besser ist. Im Gegenteil. Mit dem Ausstoß von Rußpartikeln ist niemandem gedient. So landeten allein 2018 bei den 100 Starts 225 Tonnen Ruß in der Stratosphäre. Nachdem auch hier mit dem Regen kein reinigendes Gewitter drin ist, hält sich der Ruß bis zu einem Jahrzehnt in der Atmosphäre.


Nun stehen die Umweltschützer als Kritiker ja nicht allein auf weiter Flur. Auch die Hungerleider schütteln verständnislos den Kopf und sähen die Gelder lieber in nützlichere Projekte investiert. Namentlich in Zeiten wie diesen, in denen ein jeder mit COVID-19 die Ausgrenzung erlebt und nicht wenige mit dem Pfennig rechnen müssen, halten viele die Luxustrips ins All für entbehrlich. Sie vergessen dabei aber, dass gerade der Weltraumtourismus die Möglichkeit der Bewusstseinsänderung* bietet. Wer einmal die Welt aus dem All gesehen hat, schnallt augenblicklich, wie nichtig und klein der Einzelne de facto ist. Er gewahrt sich und sein Umfeld plötzlich in einem völlig anderen Licht. Er kommt von seinem hohen Ross herunter und begegnet den Mitmenschen mit Respekt. Und das kann so schlecht wohl nicht sein.


* Unbezahlter Weblink (Eigenwerbung)

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