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  • Collin Coel

Karma-Kapitalismus: Unternehmer auf dem Moraltrip

46,9 Milliarden Euro haben die Deutschen 2021 in nachhaltige Themenfonds investiert. Ein Jahr zuvor waren es lediglich 19,6 Milliarden Euro. ESG (Environmental Social Governance), sprich die Bewältigung ökologischer und sozialer Herausforderungen, macht aber nicht erst neuerdings von sich reden. Bereits 2007 stand der 12. deutsche Trendtag in Hamburg ganz im Zeichen des Karma-Kapitalismus, der im Prinzip auf nichts anderes aus ist als der ESG-Score: den bewussteren Konsum bei achtsamerer Produktion. Unweigerlich mausert sich Karma damit nach und nach zur Marke.


Konzept für alternative Energie mit Lampensteckern in Karotte und Käse

Quelle: Steve Buissinne auf Pixabay


Profitgier war gestern


Die Zeiten sind längst vorbei, da sich die Konsumenten ins Unabänderliche fügten und verantwortungslosen Unternehmen die Stange hielten. Augenblicklich hagelt es Vorwürfe, gibt es den großen Aufschrei in den sozialen Netzwerken, ja schwingt sich regelrecht alle Welt zu Protestkundgebungen auf, sollten Umweltsünder und Ausbeuter die Grenzen des Erträglichen überschreiten. Kurzum: Wer sich zu schade ist, dem ökologischen Anbau und der umweltfreundlichen Produktion das Wort zu reden, oder mit fairen Arbeitsbedingungen und gerechten Löhnen* nichts am Hut hat, hat als Unternehmer bei mündigen Verbrauchern auf immer und ewig ausgeschissen.


Das gegenwärtige Verhalten der Unternehmen entscheidet also über ihr künftiges Wohl und Wehe. Zwangsläufig machen Wirtschaftstreibende damit Anleihen bei Hindus und Buddhisten. Immerhin bemühen sich die Anhänger beider Weltreligionen, möglichst viele Karma-Punkte zu sammeln, um im nächsten Leben nicht für die Sünden der Vergangenheit büßen zu müssen. Während Buddhisten in Sachen Samsara (= Kreislauf der Wiedergeburten)* aber mehr an die Eigenverantwortung appellieren, empfinden Hindus Karma als Theodizee und Eschatologie gleichermaßen. Heißt im Klartext: Einesteils ist das Schicksal des Hindus seinen vergangenen Taten geschuldet, andernteils erlauben ihm die gegenwärtigen Taten, die Fesseln der Vergangenheit abzuschütteln. Letztlich läuft Karma damit auf das Prinzip von Ursache und Wirkung hinaus. Insofern hat der US-Wirtschaftsguru Vijay Govindarajan die Abkehr von der reinen Profitgier zu Recht als Karma-Kapitalismus bezeichnet. Tönte es in den 1990er-Jahren noch aus allen Ecken und Enden »Greed is good«, diktiert zur Stunde die Devise »Green is good« das Tun und Trachten der Unternehmer.


US-Wirtschaftsguru Vijay Govindarajan

Quelle: Tripp Braden auf Twitter


Der Mensch zählt


Wie kein Zweiter zeugt Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus vom Potenzial des Karma-Kapitalismus. Der bengalische Wirtschaftswissenschaftler gilt als Vorreiter der Mikrokredit-Bewegung*. Nicht von ungefähr wird er als der weltweit bekannteste Social Entrepreneur gehandelt. Immerhin hat sich die von ihm in Bangladesch gegründete Grameen Bank zur Gänze den Ärmsten der Armen verschrieben. Für Yunus ist der Kredit ein unveräußerliches Menschenrecht. Während bei herkömmlichen Banken mithin ohne entsprechende Sicherheiten kein Kredit drin ist, vertraut die Grameen Bank auf das Potenzial und die Kreativität des Einzelnen. Angesichts einer Rückzahlungsquote von 99 Prozent ist die Unterstellung wirtschaftlicher Naivität unangebracht. Dass Yunus dabei die ersten Kredite aus eigener Tasche bezahlt hat und persönlich dafür haftete, tut seiner Leistung keinen Abbruch. Auch nicht die Tatsache, dass das Gros seiner Kreditnehmer Frauen sind, die gemeinhin im Rufe stehen, mit Geld besser als Männer umgehen zu können. Wie dem auch sei, jedenfalls stünden diese Frauen ohne Grameen Bank weiterhin nicht mit beiden Beinen im Wirtschaftsleben, geschweige denn dass sie aktiv zum Anstieg des Bildungsniveaus beitragen würden.


Nobelpreisträger Muhammad Yunus

Quelle: David Hulme auf Twitter


Insofern bleibt nur zu hoffen, dass sich das Wachstum der Grameen Bank in Grenzen hält. Zumindest sieht der Schweizer Trend- und Handelsforscher David Bosshart regelmäßig in der Unternehmensgröße die Gefahr der Unmenschlichkeit. Ja, de facto stellen Unternehmensriesen à la Google für ihn gar veritable gesellschaftliche Bedrohungen dar.


Mit dem Karma-Siegel zwischen zwei Fronten


Marketer schreien nach Karma


Erst war es der »Karma Classics«, ein nachhaltig produzierter Turnschuh, dann ein GOTS-zertifizierter, mit natürlichem Bienenwachs imprägnierter Rucksack namens »Karma Bag«, der sich der Crowd zur Finanzierung der Produktion und Vermarktung bediente. Das Prosumieren, sprich Produzieren und Konsumieren, ist in. Das Berliner Unternehmen Karma Ventures geht gleichwohl einen Schritt weiter. Immerhin muss auch Karma drin sein, wo Karma draufsteht. Ergo versichern die Jungunternehmer, den Produzenten Ihrer Turnschuhe und Rucksäcke 15 Prozent mehr zu bezahlen, die nahtlos in soziale Projekte vor Ort fließen.


Mit dem Prinzip der Gegenseitigkeit, also dem Geben und Nehmen* hat der Architekt Van Bo Le-Mentzel nichts am Hut, auch wenn bei ihm Karma ebenso großgeschrieben wird. Die Baupläne für seine »Hartz4-Möbel« stehen zur freien Verfügung im Netz. Damit kann sich jeder mit dem Nachbau für wenig Geld einer Möbelkollektion erfreuen. Devise: Konstruieren statt konsumieren.


Architekt Van Bo Le-Mentzel

Quelle: SJ Paderborn auf Twitter


So weit gehen die Marketer einschlägiger Unternehmen selbstredend nicht. Über die Zugkraft der Marke »Karma« sind sie nichtsdestotrotz bestens im Bilde. Nicht von ungefähr heißen schließlich die vegetarischen Produkte der Schweizer Supermarktkette Coop »Coop Karma«. Der dänische Sportartikelhersteller Hummel rühmt sich hinwiederum als »Company Karma« verantwortungsbewusster Geschäftspraktiken. Und in Österreich laden scheints erneuerbare Energien und Photovoltaik dazu ein, sich gleich Karma Werte GmbH zu nennen.


Kritiker wettern über den Ablasshandel


Beileibe nicht alle sind entschiedene Verfechter des Karma-Kapitalismus. So hat etwa für die Journalistin Kathrin Hartmann die Karma-Ökonomie stets den schalen Beigeschmack des modernen Ablasshandels. Mit der entsprechenden Portion Karma durch die Bestellung beim richtigen Unternehmen macht sich Otto Normalverbraucher nicht länger ein Gewissen aus seiner Konsumsucht. Und Unternehmer, die sich betont nachhaltig geben und den Eindruck erwecken, als würden sie den Konsumenten einen spirituellen Mehrwert* frei Haus liefern, halten den Protest im Zaum und sparen sich damit regelmäßig neue gesetzliche Auflagen.


Da ist was dran. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass Karma-Kapitalisten mitnichten mit der Umwertung aller Werte kokettieren. Zumindest versteigt sich Shai Hoffmann von Karma Ventures zur Behauptung, dass es seinem Unternehmen ausschließlich um die Veränderung der Welt im Kleinen* zu tun ist. Wenn der Verbraucher kurz innehält und mit dem nächsten Kauf ein Zeichen der Nachhaltigkeit setzt, ist ihm das Wohl künftiger Generationen ein echtes Anliegen. Und mehr braucht es nicht für den ersten Schritt in die richtige Richtung.


* Unbezahlter Weblink (Eigenwerbung)

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