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  • Collin Coel

Artensterben: Nach wie vor kein Silberstreifen am Horizont

Aktualisiert: 29. Mai

Sollte Corona nicht für einen weiteren Aufschub sorgen, geht die 15. Weltnaturschutzkonferenz im Oktober 2021 über die Bühne. Die Erwartungen an die Vertragsstaaten der Konvention über die biologische Vielfalt sind hoch, nachdem das Ziel der Vereinten Nationen, das dramatische Artensterben zu stoppen, klar verfehlt wurde. Nicht von ungefähr ringt der Naturschutzbund Deutschland (NABU) im Vorfeld des Ereignisses um strengere Zielvorgaben des geplanten neuen Abkommens der Vertragsstaaten.


Magerwiesen-Margerite auf Wiese

Quelle: Christian Tüscher auf Twitter


Traurige Bilanz der Umweltpolitik


Erfreuliches hat der Artenschutz schon seit Jahren nicht zu berichten. Das machen die Zahlen der Roten Liste der Weltnaturschutzunion nur allzu deutlich. Von den über 112.000 untersuchten Arten gelten mehr als 30.000 als gefährdet. Und wenn 150 Arten Tag für Tag für immer von der Bildfläche verschwinden und in den kommenden Jahrzehnten ein Verlust von rund einer Million Arten ins Haus steht, verdient die Politik kein Lob.


Fast tausendmal schneller schreitet die Vernichtung von Tier-und Pflanzenarten voran als ihre Entstehung. Aus dem im September 2020 veröffentlichten Living Planet Report von WWF und Zoologischer Gesellschaft London erhellt, dass die für den Bericht untersuchte Tierwelt seit 1970 um nahezu 70 Prozent geschrumpft ist. Und während nun die einen das Artensterben auf den Schwund der Waldbestände, die industrielle Landwirtschaft oder die allgemeine Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung zurückführen, sehen die anderen allein in der empfindlichen Erderwärmung den Grund allen Übels.


Westlicher Flachlandgorilla

Quelle: Tier des Tages auf Twitter


Dass Klimawandel und Biodiversität untrennbar* miteinander verbunden sind, bestreitet niemand. Nicht von ungefähr ist für das Pariser Klimaabkommen ein Temperaturanstieg von 1,5 °C die absolute Schmerzgrenze. Zugegeben, es mutet absurd bis dorthinaus an, doch bereits eine minimale Abweichung von dieser Empfehlung hat verheerende Folgen für die Artenvielfalt. So bedeutet laut einer aktuellen Studie des Paläobiologen Wolfgang Kiessling eine globale Erwärmung um mehr als 3 °C für 34 Prozent der auf dem Land lebenden endemischen Arten und für 46 Prozent der im Meer lebenden endemischen Arten das wahrscheinliche Aus. In den Bergen könnten bei einem solchen Temperaturanstieg gar 84 Prozent der endemischen Arten das Zeitliche segnen. Noch stärker betroffen wären nur noch die Inseln. Sie hätten bei diesem dramatischen Temperaturanstieg mit einem Totalverlust der endemischen Arten zu rechnen. Als endemisch werden dabei jene Arten bezeichnet, die ausschließlich in einem bestimmten Gebiet vorkommen. Dementsprechend schlecht ist es um die Zukunft von Schneeleopard und Blauem Kranich bestellt. Immerhin steuert die Welt zur Stunde auf wenigstens 3 °C Erwärmung zu.


Handlungsbedarf angezeigt


• Schwund der Kohlenstoffspeicher


Der Koala Australiens sollte für die Politiker ein Weckruf sein. Seit 1996 wurde sein Bestand um nahezu ein Drittel dezimiert. Namentlich die Waldbrände 2019/20, denen die Erderwärmung Vorschub leistet, haben dem Baumbewohner arg zugesetzt. Das Schlimme daran ist, dass das Feuer Unmengen von Kohlenstoff freigesetzt hat, die hinwiederum zur Erderwärmung beitragen. Ein Übel reiht sich also ans andere, ist die Lawine erst mal losgetreten. Heißt im Umkehrschluss: Nachdem nicht wenige Ökosysteme fantastische Kohlenstoffspeicher sind, bremst die Biodiversität die Erderwärmung und verringert dadurch gleichzeitig die Gefahr von Waldbränden. Damit schlägt die biologische Vielfalt quasi zwei Fliegen mit einer Klappe. Mit ihrem aktiven Beitrag zum Klimaschutz sichert sie sich nicht nur die eigene Zukunft, sondern mausert sich gleichzeitig zum potenziellen Habitat für neue Tier- und Pflanzenarten.


• Funktionale Diversität in Gefahr


Auch wenn die Ökosysteme erst mal durch den Verlust endemischer Arten nicht kollabieren, steht völlig außer Zweifel, dass die Artenvielfalt zur Lebensqualität beiträgt*. Verwandelt sich der fruchtbare Ackerboden nämlich eines schönen Tages in unnützen Lateritboden, schnallt auch der größte Umweltgegner, warum es der Biodiversität zwingend bedarf. Irgendwann rächen sich noch alle Umweltsünden. Letztlich ist es also bloß eine Frage der Zeit, ehe selbst Arten, die nicht bloß typisch für eine bestimmte Region sind, zum Handkuss kommen. Weit gefehlt mithin, zu glauben, dass der tropische Regenwald entbehrlich ist. Mit seinem Verschwinden hat auch der Ackerbau durch den eklatanten Nährstoffmangel à la longue ausgedient. Und sitzen die Menschen vor leeren Tellern, ist mit sozialen Unruhen zu rechnen. Umso wichtiger ist es, sich entschieden und mit Nachdruck gegen den Verlust der funktionalen Diversität auszusprechen, die Bedeutung der Ökosysteme als Nahrungslieferanten kurzum nicht zu unterschätzen.


Erschreckend lange Erholungsphasen


Beispiellos ist das aktuelle Artensterben. Der prognostizierte Verlust der Artenvielfalt wird aber selbst die Folgen des Asteroideneinschlags vor 66 Millionen Jahren in den Schatten stellen. Und ebender hat bekanntlich die Dinosaurier kurzerhand ausgerottet.


Explosion durch Asteroideneinschlag

Quelle: ZDFinfo auf Twitter


Zu dieser unliebsamen Erkenntnis gelangten die Mannen rund um den Paläontologen Mathias Harzhauser. Das Forscherteam des Naturhistorischen Museums Wien hat sich der Süßwasser-Schnecken angenommen und fossile wie lebende Objekte der vergangenen 200 Millionen Jahre einer Analyse unterzogen. Fazit: Die Wahrscheinlichkeit fürs künftige Aus der Süßwasser-Schnecken ist dreimal so hoch wie zu Zeiten eines Asteroideneinschlags. Wirklich bewusst wird einem die Bedeutung der Biodiversität* allerdings erst dann, wenn man sich die Regenerationszeiten von Ökosystemen vor Augen hält. Fünf Millionen Jahre benötigten die Ökosysteme, um sich vom Schock des Asteroideneinschlags einigermaßen zu erholen, und sage und schreibe zwölf Millionen Jahre für die Wiederherstellung des biologischen Gleichgewichts, bei dem die Arten keinen Mitgliederschwund mehr fürchten mussten.


Wiederaufbauplan als Lösung des Problems


Um der Artenvielfalt das Wort zu reden, braucht es mitnichten das Gespräch mit den Pflanzen. Natürlich schadet es nicht, Anleihen bei den Canela-Gärtnern im Nordosten Brasiliens zu nehmen und die Weltmeister der Diversifizierung* eingehend zu studieren. Im Prinzip bricht aber eine neue Ära des Umweltbewusstseins in Deutschland allein schon mit der Abkehr von der intensiven Landwirtschaft an. Zumindest rät das Bundesamt für Naturschutz in Bonn in seinem jüngsten Bodenreport zur schonenden Landwirtschaft mit wechselndem Anbau unterschiedlicher Pflanzen sowie sparsamem Gebrauch von Unkrautbekämpfungsmitteln und schweren Landmaschinen. Immerhin gilt es, den unterirdischen Lebensraum von Milben, Amöben, Käferlarven und Regen- oder Fadenwürmern zu schützen. Damit sollte es um die Fruchtbarkeit der Böden auch in Zukunft bestens bestellt sein.


Angezeigt ist bei Tage besehen freilich nicht der Weg der kleinen Schritte, sondern eine umfassende Reform. Mit jenem im Magazin »Nature« veröffentlichten Wiederaufbauplan ließe sich das Artensterben bis 2050 stoppen. Neben einer Ausweitung der Schutzgebiete auf 40 Prozent der globalen Landfläche bedürfte es zur Verwirklichung des Plans des kompletten Umbaus der Nahrungsmittelversorgung. Fallen weniger Lebensmittelabfälle an und wird vermehrt auf den Konsum tierischer Produkte verzichtet, ist der erste Schritt in die richtige Richtung getan.


* Unbezahlter Weblink (Eigenwerbung)

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